Home Solarwave-Project Archiv Reisetagebuch 2010 Donaudelta - 1.8.2010
02
Aug
2010
Donaudelta - 1.8.2010 Print E-mail
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Der morgendliche Einkauf am bunten Markt läßt uns wieder um einige Zentimeter
wachsen. Mehrfach sehen wir Menschen tuscheln, kichern und mit dem Finger auf uns zeigen - es ist nicht meine bunte Brille - wir hören immer wieder "..... Solarkatamaran ... Televisor..." - da haben uns offenbar etliche im Fernsehen gesehen! Wir fühlen uns wie Stars!

Die Fahrt nach Sulina ist unser vorletzter Abschnitt am Weg zum Meer - bei Meile 14 (seit Galati - km 150 - gibt es keine Kilometer mehr sondern Seemeilen) biegen wir ab und fahren gewissermaßen retour zur Meile 23 des alten Donauflusses. Der neue Sulina-Kanal wurde schon vor vielen Jahren gebaut - nun wird die Renovierung von der EU finanziert .... - siehe Foto. So ganz ist es uns nicht klar, warum wir Österreicher dafür bezahlen, dass hier Milliarden im wahrsten Sinn des Wortes versenkt werden ... Ich wünschte, ich hätte das Geld, das allein die hunderten "EU-Beweihräucherungsschilder" kosten.
Vermutlich noch mehr Geld kosten die Besuche der Kommissionen, die kontrollieren, ob die Schilder aufgestellt wurden ... wie auch immer, der Fluss wird ordentlich begradigt und vielleicht in ein paar Jahren wieder "rückgebaut und renaturiert".
So hat man immer was zu tun und die Kommissionen können mehrmals hierher ins
Naturschutzgebiet pilgern.

Aber seit der Abzweigung in die alte Donau herrscht die Natur! Natur pur! Zur Begrüßung gleich ein Schwarm Pelikane, die sich im sanften Abendlicht noch ein paar Fische aus dem reichlich gefüllten Bach holen. Wir befahren hier die alte Donau, die bis zum Kanalbau die eigentliche Wasserstraße zwischen dem Schwarzen Meer und Wien war. Heute wird sie nur noch von Touristenbooten als Autobahn genutzt, ständig rasen sie mit ihren bis zu 150kmh schnellen Booten vorbei - schlimm vor allem die Motoryachten, die im Abstand von nur wenigen Metern - gefühlte 30cm, in Armreichweite - an uns vorbeidonnern - unser Kat ist mit 7,5 so breit, dass wir zwar heftig schaukeln, aber die Teller bleiben am Tisch.
Die kleinen Boot am Ufer rings um uns werden teilweise auf die Stege geworfen. Ärgern bringt nichts, die Kerle sind unbelehrbar.

Wir haben einen schönen Platz vor dem Hotel-Restaurant "Big-Fish" gefunden - mitten im Dorf, das leider nicht mehr so ursprünglich ist wie erhofft, überall hat der spärliche
Tourismus Einzug gehalten.
Pensionen wachsen aus dem Boden, stehen aber mangels Touristen fast leer. Auch auf der Fahrt hierher haben wir etliche große Ferienanlagen gesehen - offenbar außer Betrieb.

Die Preise sind jedoch am Boden geblieben, im BigFish essen wir einen 200 Gramm Fisch in der Brotkruste gut zubereitet - um unglaubliche 75 Euro-Cent. 2 solche Fische mit Salat und Pommes kosten dann ca. 2,20 Euro.
Bekanntere Fischsorten sind schon ein wenig teurer, aber unter 5 Euro bleibt man immer.

Auch hier kommt am nächsten Morgen der Besitzer des Nachbarhotels auf uns zu mit den Worten "your are famous - I see you in Television! Can I take foto of you and me for my wife?"

Und am Abend kommt uns sogar der russisch-orthodoxe Padre besuchen und bietet seine Hand gegen Koje an - er ist Priester im vierten Bildungsweg, zuerst war er Bäcker, dann Tischler, dann Chorleiter und nun geistlicher Herr über ein paar hundert
Seelen. Bis nach Mitternacht lernen wir die Unterschieder der vieschiedenen Kreuzzeichen und welcher Zweig der Orthodoxen sich wann von den anderen abgespalten hat und vor allem warum .... vielleicht sollte ich auch nach erwähnen, der Padre spricht kein Wort englisch - und wir kein Wort rumänisch ..... zuerst das "Hirter Bier" und dann die "Gurktaler-Alpenkräuter" haben dazu beigetragen, die sprachlichen Barrieren zu überwinden. Es war lange nach Mitternacht als der Pater den Heimweg zu seiner Frau angetreten ist.
Sein Monatslohn beträgt übrigens 300 Euro. Ob er seine Frau auf die Hand-gegen-Koje Weltumrundung mitnehmen möchte, wird er uns noch sagen.

Die Steca-Gefrierbox, der große Liebherr-Kühlschrank und die Miele-Waschmaschine sind schon seefest befetigt - gleich wie am vorigen Boot mit Spanngurten - auch die Batterien bewegen sich keinen Millimeter mehr, ein paar kleine Arbeiten noch, dann sind wir "Seeklar".

Die folgenden Tage sind mit Foto-Shootings bei den Pelikanen Reihern und Fröschen
vergangen, die Lipowanerhäuser und die Menschen und Ihre Tätigkeiten haben gute
Fotomotive abgegeben.

Was uns vor allem begeistert und rührt sind die Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und
Gastfreundschaft der Menschen hier.
Alle kommen offen auf uns zu, niemand ist abweisend, ein Opi ist begeistert, als ich mich dafür interessiere, wie er sein uraltes Holzboot repariert und erklärt mir - auf rumänisch - was zu beachten ist. Zweimal werden wir zu einer privaten Bootstour in das Delta eingeladen, immer wieder kommt jemand mit einer Flasche Wein, Stegnachbarn laden uns zur Grillparty ein - wir wissen gar nicht, wie wir uns bedanken sollen und welche Gastgeschenke wir mitbringen sollen .... Unvorstellbare und noch nie erlebte Herzlichkeit strahlen diese Menschen aus. Und das Interessante - es geht durch alle Bevölkerungsschichten - vom reichen Firmeninhaber über den Pfarrer zum einfachen Fischer.
Jedes Mal fällt uns der Abschied schwer, und schweren Herzens fahren wir weiter.
Danke Euch allen - es ist schön, dass es Euch gibt!

Das Delta selbst ist ein Naturschutzgebiet - leider für meinen Geschmack ein bisserl zu wenig gepflegt, die Sorglosigkeit, mit der die Einheimischen ihre Plastikflaschen ins Wasser werfen ist leider auch auffallend. Die Nationalparkverwaltung glänzt mit
Abwesenheit, es wird nicht kontrolliert und nicht gereinigt. Aber wenn man diese
Umweltsünden ausblenden kann, dann ist das Donaudelta ein wirklich einmaliges
Naturparadies. Kaum durch exzessiven Tourismus in Mitleidenschaft gezogen offenbart sich eine weitgehend unberührte Tier- und Pflanzenwelt dem Betrachter. Wenn man nur weit genug fährt findet man auch Menschen die in einer oft erschreckenden Ursprünglichkeit ihr Dasein fristen - dabei aber nichts an Lebensfreude eingebüst haben.

Die letzten Donaukilometer verlaufen unspektakulär, das ACR-AIS warnt uns schon lange bevor wir einen Ozeanriesen zu Gesicht bekommen - dann erreichen wir bei Kilometer 0 die Stadt Sulina, das Ende der Donau, der Beginn des zweiten Abschnittes unserer Reise.

Fotos:
1. Frosch
2. Pelikan

3. eines von tausenden Schildern - die EU finanziert scheinbar ganz Rumänien

4. Fischportion im Restaurant "Big Fish" in Mila 23
5. Heike kauft frische Froschschenkel von 91-jährigem Fischer

6. mit 150 kmh durchs Naturschutzgebiet - mit Fliegerhelm!
7. Lipowanerhaus in Mila 23